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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Wissen im Marktprozeß - Vollständiges und unvollständiges Wissen

Was bedeutet nun der Begriff „Wissen“ innerhalb des Marktprozesses? Wir haben bereits gesehen, dass es uns nicht so sehr darum geht, wie Menschen gezielt nach unentdecktem Wissen suchen, indem sie sich zum Beispiel im Internet über ein Produkt informieren oder in ein Geschäft gehen, um sich beraten zu lassen. Die Triebfeder des Marktprozesses soll vielmehr das spontane Entdecken von neuem, also bis dahin völlig unbekanntem Wissen sein.

Grundsätzlich sind drei mögliche Wissenskategorien des marktrelevanten Wissens möglich (vgl. Rese 2000, S. 69f.):

•  Vollständiges Wissen über alle entscheidungsrelevanten Aspekte,

•  nicht nachgefragtes Wissen und

•  Wissen, von dem der Marktteilnehmer nicht weiß das es existiert.

Punkt (1) ist die bekannte Annahme der orthodoxen mikroökonomischen Theorien, die besonders bei den Modellen des vollkommenen Wettbewerbes von großer Bedeutung sind. Hayek erkannte schon früh, dass die Annahme des vollkommenen Wissens der entscheidende Punkt für die Richtigkeit dieser Modelle des vollkommen Wettbewerbes ist (vgl. Kirzner 1988, S. 162). Als Antwort auf die Hayeksche Kritik an der Annahme vollständigen Wissens erweiterte vor allem die Informationsökonomik den Rahmen der Gleichgewichtstheorien um den Aspekt der gezielten Suche nach Informationen und widmete sich dem Unterschied von vollständigem Wissen und dem nicht nachgefragten Wissen (vgl. Stigler 1961, S. 213 ff.).

„Es gibt keine >Unvollkommenheit< in einem Markt mit unvollständiger Information, sofern es nicht lohnend wäre, sich vollständige Information anzueignen (zu produzieren)“ argumentiert Stigler (zitiert von Kirzner 1988, S. 163) und nimmt an, dass Wissen nur dann nicht nachgefragt wird, wenn die Kosten für dessen Beschaffung den damit in Verbindung stehenden Nutzen überschreitet. Es gibt somit nach Stigler nur dann Unwissenheit, wenn nicht nach dem Wissen gesucht wird. Das Nichtvorhandensein von marktrelevantem Wissen wird somit aber grundsätzlich negiert. Kirzner entgegnet dem treffend: „Dies kann uns jedoch nicht von der Schlussfolgerung lossprechen, daß am Beginn der notwendigerweise endlichen Folge von Suchbemühungen zumindest etwas Wissen bereits vorhanden war, welches nicht das Ergebnis beabsichtigten Suchens war.“ Und weiter: „Das Wissen, auf dem die erste Entscheidung, nach Wissen zu suchen, beruhte, war selbst nicht mit Absicht erworben worden“ (Kirzner 1988, S. 164).

Somit stellt er noch einmal klar die Bedeutung des oben in Punkt (3) genannten Aspektes des marktrelevanten Wissens für die österreichische Position heraus. Was uns also vor allem am marktrelevanten Wissen interessiert, ist das spontan entdeckte Wissen, welches zuvor noch völlig im Dunkeln verborgen lag und von dem der Akteur nicht wusste, dass es überhaupt existiert.

Bevor wir uns weiter mit der Rolle des Wissens im Marktprozess beschäftigen, ist es nötig, den allgemeinen Begriff Wissen, so wie wir ihn hier verwenden wollen, etwas präziser zu beschreiben.

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