Marktprozess.de
Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Die Bedeutung von unentdecktem Wissen für den Marktprozess

In der Marktprozesstheorie spielt der unbeabsichtigte, spontane Erkenntnisgewinn eine herausragende Rolle. Dieses zufällig entdeckte Wissen steht im Gegensatz zu dem nicht nachgefragten Wissen, das auch in der neoklassischen Markttheorie seinen Platz einnimmt und durch sie erklärt werden kann. Nicht nachgefragtes Wissen hat in sofern eine Daseinsberechtigung, das es in der Informationsökonomik damit erklärt wird, dass die Kosten des Suchens nach diesem Wissen den Nutzen übersteigt. „Solche Unkenntnis ist dann mit Überlegung in Kauf genommen worden; in gewissem Sinne ist sie optimal “ (Kirzner 1988, S. 167).

So beschreibt Kirzner den Stellenwert des nicht nachgefragten Wissens, dessen Existenz jedoch bekannt ist. Diese Unwissenheit hat demnach solange Bestand, bis sich die Kosten-Nutzen-Relation ändert und das Wissen nachgefragt wird. Es ist also von Dauer, und zwar genau so lange, bis man sich bewusst entscheidet, es nachzufragen.

Im Gegensatz dazu ist die Unkenntnis bezüglich des durch Zufall entdeckbaren Wissens nicht von Dauer. Da wir, wie gesagt, durch Zufall neues Wissen hinzugewinnen, muss dies zur Folge haben, dass sich die anfängliche Unkenntnis von Periode zu Periode verringert. Kirzner formuliert in Bezug auf den Unterschied zwischen nicht nachgefragtem Wissen und dem durch Zufall entdeckbaren Wissen: „Von Unwissenheit bezüglich des Wissens, das spontan und unbeabsichtigt aufgenommen werden könnte, kann man andererseits erwarten, dass sie allmählich schwindet. Dies ist so, weil eine Information, die man gestern direkt vor Augen hatte, die aber auf unerklärte Weise unbemerkt blieb, nicht notwendigerweise auch heute unbemerkt bleiben muß“ (Kirzner 1988, S. 168).

Diese Verringerung der Unkenntnis bedeutet für den Marktprozess, dass er sich in Richtung eines Gleichgewichtes bewegt. Gleichzeitig hat jedoch das Entdecken von Neuem zur Folge, dass sich das Bewusstsein eines Individuums dahingehend erweitert, dass neue, bisher nicht gekannte (Handlungs-) Möglichkeiten hervortreten. Durch diese Erweiterung des eigenen Horizontes und dem jetzt veränderten Wissen, das auch eine Revision früherer Ansichten und Meinungen zur Folge haben kann, entsteht jedoch neue Unwissenheit (vgl. weiter oben, Kap. 2.2). Diese kaleidoskopische Komponente

des Marktverlaufes, wie ihn Shackle und Lachmann immer wieder betonen, ist gegen eine Reduzierung des Gesamtmaßes an Unsicherheit gerichtet und ist somit ein wichtiger Bestandteil für ein auf den Prozess ausgerichtetes Marktverständnis.

Wie sich Wissenszuwachs und Wissensentwertung im Verlauf des Marktprozesses entwickeln, wie sie entstehen und was sie bedingen soll nun nachfolgend in Kapitel näher betrachtet werden.
© Marktprozess.de - Impressum - Literatur