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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Der Marktprozess - Grundlegendes

In der herrschenden Literatur gibt es zwei Hauptrichtungen, die sich mit der Theorie des Marktes beschäftigen. Zum einen die mikroökonomische Preistheorie und auf der anderen Seite die Marktprozesstheorie. Beide Richtungen versuchen – kurz gesagt – das Funktionieren von Märkten und die damit in Verbindung stehenden Marktphänomene zu erklären und zu beschreiben. Leben wir in einer Welt, in der sich das Marktgeschehen in einer „Black Box“ abspielt und in der sich optimale Marktergebnisse einfach berechnen lassen, oder ist der Markt doch ein Entdeckungsverfahren?

Die Preistheorie, deren Ursprünge in den Arbeiten von A. Marshall und später L. Walras liegen, fasst den Markt als statisch auf. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Beziehungen und den numerischen Werten von Mengen und Preisen (Geld) im Zustand des Gleichgewichtes (vgl. Kirzner 1978, S. 2 ff.). Das Gleichgewichtsparadigma versucht, zukünftige Zustände durch gegenwärtige Zustände (mittels gegenwärtiger Ressourcen, Präferenzen und Technologien) zu erklären. Der Fokus liegt dabei auf dem Endergebnis. So kann man die orthodoxe Preistheorie auch als „Marktergebnistheorie“ bezeichnen (vgl. Vanberg 2003, S. 3), in der alle Akteure vollkommenes Wissen besitzen, sich augenblicklich anpassen können, und auf dem homogene Güter existieren (vgl. Vanberg 2003, S. 2).

Eine vollkommen andere Sichtweise auf den Markt haben die Vertreter der „Österreichischen Schule“. Friedrich August v. Hayek kritisiert die Preistheorie treffend: „Wenn wir alle erforderlichen Informationen besitzen, wenn wir von einem gegebenen System der Rangordnungen ausgehen können und wenn wir über eine vollständige Kenntnis der verfügbaren Mittel gebieten, dann ist das Problem, das übrig bleibt, lediglich ein Problem der Logik“ (Hayek 1952, S. 103f.).

Der Markt wird von ihm eher „...als ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen..., die ohne sein Bestehen entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt werden können“ (Hayek 1969, S. 249) verstanden. Hayek war der wohl bekannteste Vertreter der „Österreichischen Schule der Nationalökonomik“, deren Marktprozesstheorie einen Gegenentwurf zur orthodoxen neoklassischen Preistheorie liefern soll.

Bei den Marktprozesstheoretikern steht das Individuum, dessen Handlungsweisen und subjektive Entscheidungen, im Vordergrund der Betrachtungen. Ökonomische Theorien können nur dann den Markt und die damit verbundenen Phänomene erklären, wenn sie den Aspekt des Individualismus beinhalten. Gerade diese individualistische Fundierung fehlt aber den orthodoxen ökonomischen Theorien. Der methodologische Individualismus ist demzufolge das „Dach“ über allen Betrachtungen der „Österreichischen Schule“. Er besagt, dass alle sozioökonomischen Effekte auf das individuelle Verhalten des Einzelnen zurückgeführt werden können (vgl. Rese 2000, S. 67).

Der Markt ist kein undefinierbares Gebilde mehr, er besteht vielmehr aus Individuen, und diese Individuen treten auf verschiedenste Weise miteinander in Kontakt. Es müssen also alle wirtschaftlichen Phänomene über das Verhalten des einzelnen Akteurs erklärt werden. Hayek und die anderen Vertreter der österreichischen Position machten diesen Ansatz zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen.

Der Begriff des (methodologischen) Subjektivismus ist der zweite wichtige Aspekt in der Sichtweise der Marktprozesstheoretiker. Aufbauend auf dem Individualismus bezeichnet er die unterschiedlichen Sichtweisen der einzelnen Akteure. Auf den Markt bezogen bedeutet das, dass die subjektive Wahrnehmung der Umwelt und die darauf aufbauenden Entscheidungen der Individuen die letztendliche Bewertungsinstanz sind. Verschiedene Personen bewerten z.B. das gleiche Produkt völlig unterschiedlich. Kirzner meint dazu, es sind „...diese subjektiven Wertzuordnungen für ein und dasselbe Gut, die Tausch erst attraktiv machen und die Diskrepanz zwischen dem Gesamtnutzen vor und nach dem Tausch hervorbringen“ (Rese 2000, S.67).

Der Subjektivismusbegriff wurde in der Literatur auf verschiedene Weise interpretiert und diskutiert. Die meisten Vertreter (z.B. Hayek) der „Österreichischen Schule“ gingen von verschiedenen Wissensständen als Ausgangspunkt für die subjektiven Wertzuordnungen bei Individuen aus, sprachen aber in Bezug auf die Erwartungen der Akteure dennoch von einer Gleichgewichtstendenz (vgl. v. Lingen 1993, S. 188f.). Andere Autoren wiederum waren Vertreter einer „Radical Subjectivism“ – Ansicht. Lachmann (1984, S. 103 f.) sprach von der Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit der Pläne von Individuen. Daraus ergeben sich somit auch subjektive Erwartungshaltungen.

Die logische Konsequenz, die die Österreicher aus der Annahme von Individualismus und Subjektivismus ziehen, ist, dass alle Akteure am Markt auch unterschiedlich sind. Mit Unterschiedlichkeit ist dabei wohl der Unterschied im Geiste gemeint, also verschiedene Wissensstände, verschiedene Bewertungsmuster, verschiedene Bedürfnisse und somit auch verschiedene Erwartungshaltungen. Diese Unterschiedlichkeit macht erst den Marktprozess möglich, denn nur durch unterschiedliche „Vorlieben“ und Rangreihungen von Gütern nach persönlicher Wichtigkeit kommen Tauschhandlungen auf Märkten zustande. Niemand würde ein Geschäft abschließen, wenn er nicht der Ansicht wäre, der (subjektive) Wert der gekauften Ware ist höher als der vom Verkäufer verlangte Betrag in Geld. Der Verkäufer einer Ware wird das (bei ein und demselben Geschäft) natürlich genau anders herum sehen, sonst würde er sich nicht darauf einlassen. Es ist somit nach Ansicht der „Österreichischen Schule“ nicht möglich, ein „objektives Maß des Nutzens“ (vgl. Lachmann 1984, S. 12) zu finden. Der Nutzen von Dingen ist immer subjektiv und bei den Menschen unterschiedlich. Es lassen sich bestenfalls bestimmte Gruppen (oder Typen) von Akteuren bestimmen, die in ihren Erwartungen homogen sind. Wie diese Gruppen aussehen und bis zu welchem Maße man von Homogenität sprechen kann, bleibt jedoch fraglich.

Diese Unterschiedlichkeit, welche die verschiedenen Nutzenwerte bedingt, ist ein elementares Merkmal der Menschheit, sie ist bestimmt durch die Erziehung, Erfahrung oder die Ausstattung des Einzelnen (vgl. Rese 2000, S. 68). Gerade die daraus resultierenden heterogenen Erwartungen machen aber einen entscheidenden Unterschied zur Neoklassik aus.

Zu Beginn dieses Abschnittes haben ich beim Thema „Unterschiedlichkeit“ schon einmal kurz den Begriff „Wissen“ erwähnt. Die Vertreter der Marktprozesstheorie gehen jedoch nicht nur davon aus, dass das Wissen der einzelnen Akteure unterschiedlich ist, es ist vielmehr auch unvollständig. Diese Unvollständigkeit des Wissens macht den Marktprozess zu einer Art „Forschungsreise ins Unbekannte“, zu einem Entdeckungsverfahren, wie v. Hayek (vgl. 1969) bemerkte. Er bemerkt weiter zum Thema Wettbewerb und Wissen: „...welche Güter knapp oder welche Dinge Güter sind, oder wie knapp oder wertvoll sie sind, ist gerade einer der Umstände, die der Wettbewerb entdecken soll: es sind jeweils die vorläufigen Ergebnisse des Marktprozesses, die den einzelnen sagen, wonach zu suchen es sich lohnt“ (Hayek 1952, S. 253) und stellt damit deutlich den Markt und die damit einhergehenden Prozesse zur Verringerung von Unwissenheit heraus.

Im Verlaufe dieser Arbeit will ich zeigen, wie sich dieses „Entdeckungsverfahren“ konkret auf die Wissensstände der einzelnen Marktteilnehmer auswirkt. Dazu müssen wir aber den Begriff der „Unwissenheit“ erst einmal genauer abgrenzen:

Wenn in der Marktprozesstheorie von Unwissenheit gesprochen wird, so ist Unwissenheit im radikalen Sinne gemeint. Radikal bedeutet, dass der Marktteilnehmer überhaupt nicht weiß, dass es ein bestimmtes Wissen zu entdecken gibt und es deshalb auch nicht nachfragt (vgl. Rese 2000, S. 69). Erst dieses Nichtwissen über vorhandenes Wissen lässt jedoch ein Entdeckungsverfahren im Hayekschen Sinne zu.

Im Gegensatz dazu wird dieses radikale Nichtwissen in der Neoklassik gar nicht betrachtet. Man geht davon aus, dass alle Marktteilnehmer vollständige und gleiche Informationen über die heutigen Zustände der Welt haben und für die kommenden Perioden Informationen über bestimmte Eintrittswahrscheinlichkeiten besitzen. Diese Informationen sind zudem kostenlos. Anders in der Informationsökonomik (2). Hier bedeutet Unwissenheit, dass der Akteur Wissen, von dem er weiß, das es vorhanden ist, nicht nachfragt (weil z.B. die Kosten zu hoch sind). Diese Art Unwissenheit wird auch als „Rationale Unwissenheit“ bezeichnet (vgl. Rese 2000, S. 69f., Dahlke 2001, S. 79f.).

Für die Marktprozesstheoretiker ist jedoch nur die radikale Unwissenheit interessant. Ihrer Meinung nach ermöglicht sie erst einen auf Entdeckung ausgerichteten Prozess, der den Markt voran treibt und marktliches Handeln überhaupt erst begründet.

Bevor wir uns jetzt näher mit dem Marktprozess beschäftigen, möchte ich jedoch noch kurz auf das vierte, wichtige Standbein der „Österreichischen Schule“ eingehen, dem Vorhandensein von (kalendarischer) Zeit.

Die Zeit ist eine wichtige Bedingung für die Entwicklung von Wissen im Marktprozess. Erst durch die Einbeziehung von Zeit kann sich Wissen entwickeln und „..Denken in einer Prozeßstruktur“ (Rese 2000, S. 68) wird ermöglicht. Würde man das Voranschreiten der kalendarischen Zeit aus den Betrachtungen ausklammern, wären auch keinerlei Lernprozesse und somit Überwindung von Unwissenheit möglich.

Kirzner schreibt dazu: „Im Verlauf der gegebenen Periode wird Entscheidungsträgern dadurch, daß sie den Entscheidungen anderer ausgesetzt sind, Wissen vermittelt, das ihnen ursprünglich fehlte“ (Kirzner 1978, S. 8) und hebt noch einmal die Bedeutung der Zeit als Voraussetzung des Marktprozesses hervor.

Erst diese Berücksichtigung des Aspektes Zeit lässt überhaupt das Verstehen des Marktes als Prozess zu (vgl. Mises 1940/ 2003, S. 1f.). Zu diesem Zweck soll nun im folgenden Kapitel die österreichische Sicht in Bezug auf den Markt und dessen Funktionsprinzipien noch einmal verdeutlicht werden.

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(2) Vgl. dazu die Grundlegenden Arbeiten von Stigler mit den Aufsatz „ The Economics of Information“ aus dem Jahre 1961.

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