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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Unternehmertum, Irrtum und Findigkeit

Wir haben ja bereits weiter oben das Bild des Unternehmers in der Marktprozesstheorie kennengelernt (vgl. 2.2.4). Nun wollen wir uns etwas genauer mit dem Zusammenhang zwischen Findigkeit und Wissensentwicklung auseinandersetzten.

Wie ich bereits dargestellt habe, ist das Unternehmertum nach Kirzner (vgl. 1978) die treibende Kraft im Marktprozess. In dem ein Akteur findig ist, d.h. Wissensunterschiede aufdeckt, diese für sich nutzt und erfolgreich die Transaktion durchführt, handelt er unternehmerisch. Wenn er dann noch in der Lage ist, seinen Wissensvorsprung dem Kunden zu vermitteln, ihm also ein Stück seines Wissensvorsprunges abzugeben, ist er ein Unternehmer im Kirznerschen Sinne. Daraus ergibt sich jedoch die Schlussfolgerung, dass zwar alle Anbieter am Markt potentielle Unternehmer sein können, es aber dennoch Anbieter gibt (und geben muß), die diese Eigenschaften nicht besitzen. Ausgehend von den drei Forderungen an unternehmerisches Handeln – Findigkeit, erfolgreiche Durchführung der Transaktion und Versorgung des Kunden mit zusätzlichem Wissen – muss es auch Akteure geben, die keine unternehmerisch handelnden Akteure in diesem Sinne sind. Rese (vgl. 2000, S.78) identifiziert demnach neben dem am Markt erfolgreichen Unternehmertyp noch fünf weitere Typen von Anbietern:

•  Anbieter, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, sind Marktakteure, die zwar aus der Sicht des Kunden das beste Angebot bieten, aber selbst nicht findig genug waren, neues Wissen (in welcher Form auch immer) zu erlangen und dieses dem Kunden zu kommunizieren.

•  Ein nutzlos Findiger mit Vergangenheitserfolg hat zwar neues Wissen hinzugewonnen, war aber nicht in der Lage, es dem Kunden zu vermitteln.

•  Kommunikationsdefizitäre sind wiederum Anbieter, die zusätzliches Marktwissen erlangt haben, aus der Sicht des Kunden aber dennoch nicht das beste Angebot bieten und deshalb die Transaktion nicht erfolgreich durchführen können.

•  Nicht hinreichend findige Anbieter sind Akteure, welche neues Wissen hinzugewonnen haben, es dem Kunden auch vermittelt haben, aber dennoch nicht das beste Angebot aus Kundensicht unterbreiten.

•  Verlierer sind Anbieter, die weder findig waren, noch das bessere Angebot unterbreiten können.

Wenn man diese Abgrenzung der Anbieter am Markt so vornimmt, muss man aber die Grundannahmen der Marktprozesstheorie – Individualismus, Subjektivismus und das Vorhandensein von kalendarischer Zeit – mit berücksichtigen. Die vorgenommene Charakterisierung der Akteure ist immer nur aus Sicht eines Kunden zu sehen. Das gebieten die Annahmen des Individualismus und des Subjektivismus. Andererseits kann man diese Unterteilung auch nur für eine Periode, d.h. für eine einzelne Transaktion vornehmen. Diese Annahme ist, insbesondere unter dem Aspekt der Wissensentwicklung, von Bedeutung. Würde man die Unterteilung für mehrere Perioden erweitern, würde man auch automatisch die Entwicklung von Wissen auf der Anbieterseite negieren. Doch dies ist gerade das Wesen des Marktprozesses, nämlich die Veränderung der Wissensstände auf Anbieter- und Nachfragerseite.

Wenn man, und dies tun wir, den Markt als Entdeckungsverfahren hinnimmt, dann können wir, ausgehend von Reses Einteilung der Anbieter in Unternehmer und andere, im Kirznerschen Sinne nicht unternehmerisch tätige Akteure, auch etwas über die Entwicklung des Wissens dieser Akteure aussagen. Dadurch, dass die Unterlegenen im Rennen um den Kunden und die Durchführung der Transaktion erfahren, dass es jemanden gibt, der es geschafft hat, die Transaktion mit dem Kunden durchzuführen, entsteht quasi ein Wissenszuwachs bei den Unterlegenen. Rese formuliert dazu: „Unternehmererfolg bedeutet ein Signal am Markt. Die nicht gewählten Anbieter erfahren, daß sie (bei dem Kunden) in Zukunft ihr Angebot aufbessern müssen, um beim nächsten Mal (vielleicht) erfolgreich zu sein“ (Rese 2000, S. 79).

Er macht so auch nochmals die Bedeutung des Prozesses als solchen deutlich, der durch die ständige Vermittlung von Wissen immer wieder neue Sieger am Markt zulässt.

Durch den Erfolg eines Konkurrenten lernen die Unterlegenen im Rennen um die Gunst des Kunden, dass sie etwas falsch gemacht haben. Sie müssen ihre Angebote überdenken, verändern und aus der Sicht des Kunden verbessern. Wie erfolgreich sie dabei sind, hängt wesentlich von ihrer Findigkeit ab. Dabei können sie sich an dem Sieger der Vorperiode orientieren bzw. Neuerungen auf den Markt bringen (vgl. Rese 2000, S. 80).

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