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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Ergebnisse der marktlichen Interaktion - Mögliche Ergebnisse aus Sicht des Anbieters

Auf ähnliche Weise können wir nun die Ergebnisse des Marktprozesses aus der Sicht des Anbieters betrachten. Auch hier gibt es nach Rese (vgl. 2000, Abbildung S. 74) drei mögliche Ergebnisse:

•  Die Transaktion kam nicht zustande, denn der Anbieter hat zu viel verlangt.

•  Die Transaktion kam zustande und der Anbieter hat nicht zu wenig erhalten.

•  Die Transaktion kam zustande, der Anbieter hat jedoch zu wenig erhalten.

Die daraus abzuleitenden Implikationen für den Wissensstand vor und nach der Transaktion und der damit zusammenhängenden Wissensentwicklung sind ähnlich der Betrachtung aus Käufersicht, es gibt jedoch einen Unterschied in den sich daraus ergebenden Verhaltensoptionen. Ich will jedoch zunächst die möglichen Ergebnisse des Marktprozesses näher erläutern.

Im ersten Fall kam die Transaktion mit dem Käufer nicht zustande, da der Verkäufer zu viel für sein Produkt verlangt hat. Er war also davon ausgegangen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, seinen geforderten Preis zu zahlen. Diese Annahme beruhte jedoch offensichtlich auf unvollständigem Wissen, denn er war ja, wie gesagt, nicht erfolgreich am Markt. Die Tatsache und die Erkenntnis des Anbieters, dass er offensichtlich einen zu hohen Preis gefordert hat, führt nun wiederum zu einer Erweiterung seines Wissensstandes. Er weiß nun, dass er sich entweder mit einem niedrigeren Preis zufrieden geben muss, oder seine Verkaufsanstrengungen (z.B. Werbung) erhöhen muss.

Der zweite Fall ist, ähnlich dem Fall (2) aus Käufersicht, zu bewerten. Offensichtlich gab es keine Koordinationslücken im Kirznerschen Sinne. Der Verkäufer hat weder zu viel, noch zu wenig erhalten.

Es ist offensichtlich, dass auch in diesem Fall Koordinationslücken existieren. Der Anbieter hat das Gut zwar verkauft, wusste aber nicht um die Gelegenheit, noch einen höheren Preis erzielen zu können. Diese Tatsache lässt sich wiederum nur durch das Vorhandensein von zwingend unvollständigem Wissen auf der Seite des Verkäufers erklären. Wäre unser Verkäufer aus Fall (3) sich der Tatsache bewusst, dass es Akteure gibt, die bereit wären, zu einem höheren Preis zu kaufen, so würde er wohl kaum zu solch einem geringen Preis verkaufen. Im Ergebnis des Marktprozesses kann dann eine Wissensmehrung auf Seiten des Verkäufers stehen. Aus den Beobachtungen anderer Marktteilnehmer lernt er, dass es Käufer gibt, die bereit sind, mehr zu bezahlen und er wird seine Erwartungen dahingehend revidieren.

Wie wir anhand dieser Beispiele sehen können, sind also die Unvollkommenheit des Wissens unter den Akteuren und die dadurch entstehenden Koordinationslücken die Voraussetzungen für unternehmerischen Gewinn (vgl. Kirzner 1988, S. 178f.). Dieser unternehmerische Gewinn ist es aber auch, der Anreiz liefert, nach neuen, besseren Gelegenheiten zu suchen, oder, kurz gesagt, die Triebfeder zur Reduktion von Unwissenheit darstellt: „Mit anderen Worten, der reine Gewinn ist die Verbindung zwischen unvollkommenem und vollkommenem Wissen : einerseits wird er durch Unwissenheit hervor gebracht, andererseits liefert er den Leistungsanreiz für das Erlangen der Wahrheit “ (Kirzner 1988, S. 179).

Das Ergebnis der kommerziellen, marktlichen Interaktionen wird bei den einzelnen Akteuren in Erfahrungen umgewandelt, welche sich wiederum auf ihren Wissensstand auswirken. „Der Akteur lernt ihm bislang unbekannte Daten des ‚Marktes‘ kennen und erfährt gleichzeitig, daß einige seiner bisherigen Erwartungen nicht zutreffen und entsprechend revidiert werden müssen“ (Rese 2000, S. 72).

In wie weit und in welcher Form sie den Einzelnen veranlassen, sein Wissen zu revidieren, hängt aber ganz und gar von dem Individuum an sich ab. Da jeder Mensch Informationen auf andere Weise verarbeitet und damit umgeht, muss man auch hier die streng individualistische Sichtweise der Marktprozesstheorie berücksichtigen.

Kommerzielle Interaktionen auf Märkten vermitteln in ihrem Ergebnis immer Informationen. Besonders v. Hayek (vgl. Lingen 1993, S. 209) wies immer wieder auf den meinungsbildenden Prozess des Wettbewerbes hin: „Durch Wettbewerb wird Wissen, u.a. durch das marktliche Anreiz- und Sanktionssystem kanalisiert, wechselseitig vermittelt und erworben“ (Lingen 1993, S. 209).

Der Sinn des Wettbewerbsprozesses liegt somit hauptsächlich darin, neues Wissen zu entdecken und dieses für die Entscheidungen der nächsten Periode(n) nutzbar zu machen. Die Tatsache, dass unvollständiges Wissen und die darauf basierenden Pläne, Ziele und Handlungen der Individuen zu Irrtümern führen, in Verbindung mit der menschlichen Eigenschaft, sich fortwährend besser stellen zu wollen, führen zu einer unaufhörlichen Entwicklung des Wissenstandes. Diese interaktiven Handlungen von Menschen (oder Organisationen) führen in ihrem Ergebnis immer zu neuen Informationen, welche dann weiter zu Wissen verarbeitet werden (vgl. Lingen, 1993, S. 209). Es scheint mir deshalb notwendig, an dieser Stelle kurz auf die verschiedenen Formen einzugehen, wie Informationen (aus Erfahrungen) zu Wissen verarbeitet werden können.

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