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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Ausblick

Wie wir gesehen haben, ist für die Wissensentwicklung auf Märkten die Frage der Wissensentwertung und des Wissenszuwachses entscheidend. Ausschlaggebend dafür sind die Entwertungsrate des Wissens je Zeiteinheit sowie die Lernrate pro Zeiteinheit (vgl. Rese 2000, S. 134). Überwiegt eine dieser Komponenten die andere, kommt es zu einer Abnahme oder einer Zunahme des Wissens bei dem jeweiligen Individuum und auf dem gesamten Markt.

Dennoch kann man keine allgemeingültigen Aussagen für die Wissensentwicklung auf Märkten treffen. Die Grundannahmen des Individualismus, der Subjektivität und der radikalen Unwissenheit der Akteure lässt dies nicht zu. Wir haben gesehen, dass Elemente wie Findigkeit oder spontanes Entdecken jederzeit dazu führen können, den Markt in eine andere Richtung zu lenken, aus Siegern Verlierer und umgekehrt zu machen.

Ausgangspunkt aller Betrachtungen war der einzelne Akteur und sein individuelles Verhalten. Aufgrund seiner persönlichen Eigenschaften handelt er zwar subjektiv gesehen rational, objektiv ist es aber möglich, dass er sich irrt. In dem er Transaktionen durchführt, sammelt er im Laufe der Zeit Informationen, die seinen Wissen erweitern oder entwerten können und verändert somit seinen persönlichen Entscheidungshintergrund. Nach Kirzners Ansicht ist dabei „...die Rolle des Marktprozesses als Stimulator für unbeabsichtigtes Lernen in einer für die Gesellschaft bedeutenden Art und Weise zu verstehen“ (Kirzner 1988, S. 175).

Sowohl Anbieter als auch Nachfrager auf Märkten lernen bisher unentdeckte Tatsachen allein aufgrund dessen, das sie am Marktprozess teilnehmen und die Signale der Gegenseite interpretieren. Die Findigkeit eines Unternehmers kann dabei ausschlaggebend dafür sein, in wie weit er am Markt erfolgreich ist.

Anhand von zwei möglichen Anbieterverhaltensoptionen - Innovation und Imitation - haben ich exemplarisch die Entwicklung des Wissens auf der Nachfragerseite bzw. auf dem gesamten Markt betrachtet. Wir haben gesehen, dass im Falle einer Innovation drei mögliche Effekte auftreten, zum einen die Mehrung des Sachwissens durch Kenntnis der neuen Möglichkeit und die Wissensmehrung im Zeitablauf durch die Beobachtung anderer Akteure oder selber realisierter Erfahrungen und, zum anderen, die Zunahme der Bewertungsunsicherheit, also die Abnahme des Bewertungswissens. Die Höhe dieser jeweiligen Effekte hängt u.a. auch von dem Grad der Neuerung ab. Vom Individuum haben wir dann Rückschlüsse auf den gesamten Markt gezogen. Auch hier haben wir unsere drei Wissenseffekte erkannt.

Wenn ein Anbieter eine Imitation auf den Markt bringt, führt dies dagegen nur zu einer Anhebung des Wissensstandes. Die Bewertungsunsicherheit erhöht sich dagegen nicht, da es sich ja um das gleiche Produkt, mit einem veränderten Preis, handelt.

Ob der Marktprozess in Richtung Gleichgewicht oder Ungleichgewicht tendiert, können wir dennoch nicht abschließend beantworten. Es ist auch unter den Vertretern der „Österreichischen Schule“ umstritten. Folgt man Kirznerns Definition eines lernenden Unternehmers, der neues Wissen erhält und seine Handlungen diesen Umständen entsprechend anpasst, gibt es eine Tendenz zu einem immer größer werdenden Wissensstand des Marktes, also in Richtung eines (entfernten) Gleichgewichtes. Andere Vertreter sehen hingegen keine Tendenz hin zu einem Gleichgewicht, da nicht klar ist, ob die Erhöhung des Wissensstandes durch Lernen oder Effekte, die vorhandenes Wissen entwerten, dominieren (vgl. Kirzner 1992, S. 4f.).

Die Ergebnisse unserer Untersuchung sind zwar mögliche, aber nicht unbedingt notwendige Verläufe der Wissensentwicklung. Der genaue Verlauf hängt vielmehr von den konkreten Umständen des betreffenden Marktes ab. Dieser entwickelt sich jedoch aufgrund der Möglichkeit von spontaner Entdeckung und den individuellen Eigenschaften der Akteure und ist demnach nicht eindeutig prognostizierbar. Wie einzelne Individuen lernen oder wie sie neues Wissen nutzen und in ihren Entscheidungsprozess einbringen, ist nicht immer eindeutig.

Eindeutig ist demnach nur, das der Markt und Wettbewerb selbst Wissen bereit stellt. Dies kann codiertes Wissen in Form von Preisen sein, welches dann wiederum von den Marktteilnehmern genutzt wird um ihre Handlungen anzupassen. Der Wettbewerb unterliegt dabei einer spontanen Ordnung, die Marktbedingungen und –preise sind das Ergebnis des Handelns aller Akteure (vgl. Schmidtchen/ Kirstein 2001, S.2). Die Regeln dieser spontanen Ordnung sind jedoch unabhängig von dem einzelnen Individuum (vgl. Hayek 1986, S. 79f.).

Auf der anderen Seite kann Wissen auch durch bestimmte Handlungen der Marktgegenseite vermittelt werden. Ein Anbieter eines Produktes lernt dadurch, dass er der Sieger oder der Verlierer im Rennen um die Transaktion mit dem Kunden ist, dass er sein Produkt verbessern, bzw. besser kommunizieren muss. Der Wissensstand von Nachfragern kann sich wiederum dadurch ändern, das Anbieter Neuerungen auf den Markt bringen oder das Produkt eines (erfolgreichen) Konkurrenten imitieren. Eindeutig ist, das bestimmte Verhalten von Individuen eine Wirkung auf den Wissensstand anderer Marktteilnehmer und somit auch auf den gesamten Markt haben. Fraglich ist jedoch, in wie weit man generelle Aussagen machen darf.
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